Donnerstag, 14. Juli 2011

"Vernunft und Glaube in der Summa" des Thomas von Aquin


1. Der Ursprung der natürlichen Erkenntnis
  
Thomas bestreitet den Satz,  dass Gott des primum cognitum sei, und geht in seiner Erkenntnislehre von den Sinnendingen aus.  So kennt er drei Stufen der Entstehung unseres gesamten Wissens:
- Zunächst erfahren wir in der Sinneswahrnehmung die Sinnenwelt in ihrer individuellen Ausdehnung.  Dies ist die Welt der philosophia naturalis (hierher gehört auch  die Psychologie), deren Gegenstand das ens mobile ist.
- Indem wir dann von den individuellen Bestimmtheiten abstrahieren und nur noch die quantitativen Beziehungen betrachten entsteht die mathematische Wissenschaft.  Ihr Gegenstand ist das ens quantum.
- Eine erneute Abstraktion, die nur noch an den ideellen Bestimmungen interessiert ist führt zur metaphysischen Wissenschaft.   Ihr Gegenstand ist das Sein als Sein und seine allgemeinen Bestimmtheiten wie Einheit, Akt, Potenz und dgl.
Thomas gibt verschiedene Argumente für die Notwendigkeit des Ausgangspunktes bei der Sinnenerkenntnis:
- Wo Sinnesorgane ausfallen, fehlen auch die zugehörigen Erkenntnisse (ein Blinder kennt keine Farben).
- Auch geistige Gehalte werden mit sinnlichen Bildern veranschaulicht.  Wir können uns Wesenheiten nicht abgesehen von ihren sinnlichen Verwirklichungen vorstellen (z.B. kann niemand Steinheit denken, ohne sich einen einzelnen Stein vorzustellen).
- Wenn Erkenntnis allein aus dem Geiste heraus möglich wäre, weshalb bedürfen dann die Vertreter dieser Position doch der Sinneserkenntnis, um z.B. Gattungen und Arten im Tierreich zu bestimmen.
Neben der Sinneserkenntnis und in ihr Wirksam stehen die obersten Prinzipien, die als logische Gesetze und allgemeine Prinzipien unmittelbar evident sind.  Hierzu gehört der Seinsbegriff, der das zuerst Erkannte ist.  Denn das Sein müssen wir in allem denken, was wir erkennen.  Daneben steht das Prinzip des Guten, das der tätige Verstand immer voraussetzt.
Allem Seienden kommen so transzendentale Bestimmtheiten zu, die fünf sog. Transzendentalien unum, verum, bonum, res (Dingheit) und aliquid (Andersheit) [andere Scholastiker rechnen auch noch hinzu:  ens (das Seiende) und pulchrum (das Schöne)].  Sie können nur analog prädiziert werden;  anders dagegen die Kategorien, die univok prädiziert werden (deshalb auch der Name der Transzendentalien: von transcedere = überschreiten). Thomas nimmt wie Aristoteles an, dass die Kategorien, die auch Praedikamente heißen, nicht nur Aussageweisen, sondern zuert Seinsmodi (gradus) sind. Dagegen sind die Prädikabilien (Gattung, Art, Unterschied, Eigentümlichkeit,  Zufälliges)  bloße Verstandesformen und gehören als solche der Logik an.  Auch Thomas teilt die Kategorien in zwei große Gruppen, die Substanz einerseits und die Akzidentien andererseits, ein.
Die Sinneserkenntnis ist nicht alles, Thomas ist kein Empirist.
 Die eigentliche Erkenntnis vollzieht sich erst durch den tätigen Verstand (intellectus angens), der aus den Phantasmen der Sinneserkenntnis allgemeine Begriffe (Universalien) und wirkliche Erkenntnis herausarbeitet.  Dabei zweifelt Thomas keinen Augenblick daran, dass die durch den intellectus agens aus den Sinneserfahrungen abstrahierten Allgemeinbegriffe wirklich den Strukturen des Seins entsprechen.
  Hier kommt der Begriff der ontologischen Wahrheit zur Anwendung,  die gegeben ist, wenn Sinneswahrnehmungen und die daraus abstrahierten Begriffe dem Sein entspringen.  Thomas geht davon aus, dass die Sinneswahrnehmungen und die Wesensbegriff immer wahr sind, weil Sinn und Geist von den Gegenständen unmittelbar informiert werden.  Hier wird also noch der antike Ideenrealismus vorausgesetzt, für den die Welt und ihre Dinge dem sinnlichen und geistigen Schauen in ihrer Ansicht offenliegen. Hintergrund ist die Annahme, dass der intellectus agens kraft der Erleuchtung (illuminatio) am göttlichen Geist, indem alle Wesenheiten enthalten sind, teilhat. Diese erstursächliche Erleuchtung des Intellekts ermöglicht es diesem nun, selbständig in eigener Aktivität zu erkennen.

Abstraktion ist damit Wesensschau.  Damit steht zwar die Erkenntnis der ewigen Gründe im Erkenntnisvorgang am Ende, ontologisch wird sie aber als vorgegeben im Geiste Gottes vorausgesetzt.  In allen seinen Analysen der Welt arbeitet Thomas so mit dem für seine Erkenntnislehre kennzeichnenden Satz "agere sequitur esse". Erkenntnis ist jedoch nicht mit der Wesenserfassung, sondern erst mit dem Urteil gegeben.  Das Urteil ist ganz wie bei Aristoteles eine Verbindung oder Trennung von Begriffen.  Entspricht die Verbindung oder Trennung von Begriffen in einem Urteil dem abgebildeten Sachverhalt in der Wirklichkeit, so ist das Urteil wahr.
Solche Urteilswahrheit ist also adaequatio rei et intellectus.


2. Die Verhältnisbestimmung von Philosophie und Theologie

Gleich zu Anfang der Summa Theologia bestimmt Thomas die Eigenart der Theologie (sacra doctrina). Dabei fragt Thomas zuerst nach der Notwendigkeit der Theologie [Umkehr des Begründungszwangs:  Vorher wurde nach der Notwendigkeit der Philosophie gefragt!].  Die Theologie ist notwendig, insofern sie dem Menschen auf dem Weg zu seinem Ziel etwas gibt, was natürlicher Erkenntnis nicht zugänglich ist.
Damit ist der Unterschied zw. Philosophie und Theologie klar herausgearbeitet:  Während die Philosophie von der Evidenz sinnlicher Erfahrungen ausgehend von den Wirkungen auf die Ursache und so letztlich auf Gott zurückschließt, geht die Theologie von zu glaubenden Sätzen aus, die in der Offenbarung gründen und deren Erkenntnis aus dem Empfang der Gnade entspringt.
Damit verhalten sich Natur und Gnade zueinander wie Potenz und Akt.  Denn das natürliche Erkennen hat in sich die Möglichkeit vollkommener Erkenntnis, die jedoch nur teilweise aus natürlicher Kraft realisiert werden kann. 
Erst die Gnade bringt die  natürliche Potenz zur vollen Aktualisierung.  Die Gnade hebt damit die Natur nicht auf, sondern vervollkommnet sie.
Neben  der philosophischen Erkenntnisfindung auf dem Weg  der Abstraktion gibt es also auch die Möglichkeit der gnadenhaften Erleuchtung.  Dadurch können Menschen zur direkten Erkenntnis der Wahrheit kommen.  Theologische Wahrheit kann für uns Menschen nur auf dem Weg der Offenbarung erlangt werden.  Aber auch philosophische Wahrheit kann direkt, ohne den Umweg über die Abstraktion aus der Sinneswahrnehmung erkannt werden.  So kann Thomas auch sagen, es gäbe sog. praeambula fidei oder revelabilia.  Damit sind Lehrinhalte gemeint, die zwar an sich der natürlichen Vernunfterkenntnis zugänglich sind, aber mit Rücksicht auf das Versagen der Vernunft bei vielen Menschen von Gott auch offenbart worden sind, damit diese heilswichtigen Lehren aller Welt bekannt werden konnten.
Ein besonderes Problem stellt nun die Wissenschaftlichkeit der Theologie dar. Jede Wissenschaft beruht auf unbezweifelbarer Evidenz ihrer Axiome.  Wenn jedoch die grundlegenden Glaubenssätze der Theologie eben nur zu glaubende und nicht natürlich evidente Sätze sind, steht die Wissenschaftlichkeit der Theologie in  Frage.  Thomas hilft sich hier, indem er eine höhere Wissenschaft Gottes und der Engel (scientia Dei et beatorum) annimmt, in die Glaubenssätze zu beweisen sind, zu der wir aber keinen Zugang haben.  Die Theologie als subordinierte Wissenschaft kann aufgrund der Offenbarung Glaubenssätze als Sätze der scientia Dei et beatorum übernehmen und sie damit axiomatisch voraussetzen.
 Die Besonderheit der Theologie besteht damit aber nicht in einem besonderen Erkenntnisverfahren, sondern im Charakter ihrer Axiome.  Philosophie und Theologie sind damit nicht zwei verschiedene Wahrheiten, sondern zwei verschiedene Erkenntniswege zu der einen Wahrheit (duplex veritatis modus).
  Damit können aristotel. Begriffe und Beweismethoden auch in der Theologie, die auf Offenbarungswahrheiten gründet, verwandt werden Thomas macht deshalb keinen  prinzipiellen Unterschied zwischen Weisheit (sapientia) und Wissenschaft (scientia), vollzieht auch keine Überordnung der ersteren über die letztere.  Theologie ist Weisheit nur insofern sie auch Wissenschaft ist.  Wo Spannungen zw. theologischen und philosophischen Aussagen auftreten, werden die theologischen vorgeordnet Die Theologie begründet damit die axiomatischen Voraussetzungen der Philosophie.  Dies geschieht aber im Bewusstsein, dass die theologisch richtigen Sätze auch philosophisch richtig sind. Systemimmanent wird damit die Theologie der Philosophie ein- und untergeordnet.

In der Praxis bedeutete dies zumeist eine Arbeitsteilung zw. Philosophie und Theologie.  So konnte, wenn es um philosophische Einsicht ging, Aristoteles und, wenn es um theologische Fragen ging, die augustin. Tradition herangezogen werden.  Und jedes theologische Problem konnte nunmehr inhaltlich gemäß der Kirchenlehre gelöst werden, während seine Darstellung der aristotel. Logik folgte.


3. Der Aufbau der Summa theologiae

Auf der Basis dieser erkenntnistheoretischen Grundlegung wird nun auch der Aufbau des thomistischen Hauptwerks, der Summa theologiae verständlich.  Zwar hatte die ältere Summa contra gentiles (Versuch einer Apologie gegenüber dem Islam und den davon beeinflussten Averroisten, bei der jedoch an vielen Stellen der eigentliche Beweis fehlt) noch die Unterscheidung zw. natürlich Vernunftwahrheiten der Gotteslehre (revelabilia) und solchen, die nur aufgrund der Offenbarung zugänglich sind (revelatio), zum entscheidenden Dispositionsschema gemacht.
 Doch die Summa theologiae überwindet diese Spaltung und behandelt innerhalb der einzelnen Lehrpunkte die praeambula fidei und die reinen Glaubenssätze zusammenhängend.  In der älteren Summa findet sich noch ein weiterer Systemgedanke: Das Schema Ausgang (exitus) aus Gott und Rückkehr (reditus) zu ihm (Gliederung: I. Gott, II. Schöpfung, III. Rückkehr zu ihm; Buch IV enthält dieselbe Schematik wie Buch I-III, jedoch nun die allein in der Offenbarung gründenden Glaubenswahrheiten zu denselben Topoi). Dieses Schema von Ausgang und Rückkehr bestimmt nun gänzlich die Summa theologiae, da dieses neuplatonische Modell (vgl. Dionysios Areopagita) der Metaphysik Thomas' entspricht, nach der die Welt als eine Emanation Gottes gesehen wird, die auf dem Rückweg zu Gott ist.
 Es kommt zu folgender Gliederung: Teil I beginnt mit Gott, Trinität und Schöpfung und stellt damit den Ausgang aus Gott dar.  Teil II fasst in zwei Teilen (prima secundae und secunda secundae) die Rückkehr der vernünftigen Seele zu Gott zusammen, und zwar in Form der Anthropologie (II/1) und der Ethik (II/2). Der (unvollendete) Teil III beschreibt dann die Verwirklichung der Rückkehr zu Gott in Jesus Christus und deren Aneignung in den Sakramenten.  Das heilsgeschichtliche Denken tritt in dieser Gliederung stärker in den Hintergrund, da die Christologie und die Verwirklichung der Rückkehr zu Gott im III. Teil angehängt werden.  Teil II und III verhalten sich zueinander wie das Potenz und Akt.  Die Ausführungen, die ein Schüler posthum anfügte um Teil III zu vervollständigen, werden Supplementum genannt. So ergibt sich folgender Aufbau der Summa theologiae:
Teil I  1-13      Gottes Dasein    (darin die Verhältnis-
               Bestimmung Philosophie/Theologie und die 5
                  Gottesbeweise)
       14-26      Gottes Wesen,    mit philosophischer
                  Argumentation bestimmt.
       27-43      Trinität    (nur aus der Offenbarung zu
                  begründen).
       44-90      Schöpfung
Teil II/1 1-21    Glückseligkeit, Intellekt und Wille
         22-48    Leidenschaften
Primae   49-54    Habitus
Sucundae 55-70    Tugenden
         71-89    Laster
        90-105    Gesetz
       106-108    Das neue Gesetz der Gnade
       109-114    Gnade, freier Wille und Rechtfertigung

Teil II/2 1-16    Glauben
         17-22    Hoffnung
         23-46    Liebe
Secunda  47-56    Klugheit
Secundae 57-122   Gerechtigkeit
        123-140   Tapferkeit
        141-170   Maßhaltung
        171-178   Die besonderen Gnadengaben (Prophetie,
                  Zungenrede, Wundertaten)
        179-182   Vita activa et contemplativa
        183-189   Die Verschiedenheit der Ämter und
                  Stände

Teil III  1-26    Die  Christologie der hypostatischen 
                  Union  und ihre Folgen
         27-34    Mariologie
         35-45    Christi Leben
         46-59    Leiden und Erhöhung Christi
         60-90    Sakramente  (Mitten in der Darstellung
                  der  Buße beginnt das Supplementum)
         87-99    Eschatologie

Die Summa theologiae verwendet das Qaestionen-Schema.  Jeder Abschnitt, der ein relativ abgeschlossenes Problem behandelt, ist folgendermaßen aufgebaut:
- Überblick über die abzulehnenden Meinungen (eingeleitet mit videtur quod)
- Die Gegenposition als Zitat einer Autorität (Schrift, Augustin, Aristoteles),
- Der eigentl. corpus, eingeleitet mit respondeo dicendum.  Hier wird das Thema entfaltet.
- Auf dieser Basis werden die verschiedenen Positionen des ersten Teils der Reihe nach entkräftet.

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